Evangelische Stadtkirchenarbeit Mainz
Die Kirchenleitung hat in Ihrer Sitzung am 20.06.2000 den folgenden Text als Grundorientierung für die Stadtkirchenarbeit beschlossen:

STADTKIRCHENARBEIT ALS VERGEGENWÄRTIGUNG DER CHRISTLICHEN BOTSCHAFT
Konzeption und Strukturvorschlag für die Stadtkirchenarbeit in der EKHN

1. Definition der Stadtkirchenarbeit als Vergegenwärtigung der christlichen Botschaft

Stadtkirchen werden definieret durch ihre Lage im Zentrum einer Stadt (eines Ortes). Sie
repräsentieren Stadt-, Kunst- und Kirchengeschichte vergangener Zeiten. Sie sind Symbol
eines kollektiven Gedächtnisses und Ausdruck für gegenwärtige religiöse Bedürfnisse. Sie
stehen für das „woher und wohin“ des Lebens und halten die Frage nach Gott in der modernen
Stadt offen.

Zur Stadtkirche gehören Passantinnen und Passanten, Zweckgemeinden und Ortsgemeinden.
Diese Ortsgemeinden müssen ihre Kirche mit Gelegenheitsgemeinden, mit Touristengruppen und Einzelnen teilen.

Die Erfahrung mit der Arbeit in den Stadtkirchen zeigt:
Hierher kommen auch Menschen, die sonst nicht in eine Kirche, eine Gemeinde gehen, die sel-
ten zur sogenannten „Kerngemeinde“ gehören.

In den Stadtkirchen suchen und finden Menschen:
- oft die Stille, den „heiligen“ Raum
- in der Anonymität Freiraum und Schutz
- in selbstbestimmter Zeit Offenheit für „religiöse“ Gefühle
- interessante, historische Architektur
- Unterbrechung des Alltags, des Weges , der Zeit
- Ansprechpersonen für ein Problem, eine Frage, eine Hoffnung (Seelsorge)
- manchmal materielle Unterstützung
- einen spürbaren Adressaten für Bitten und Gebete (Kerzenecke und Gebetsbuch)

Stadtkirchen sind offen für Alle. Die dort Arbeitenden tun stellvertretenden, missionarischen
Dienst als Botinnen und Boten des Evangeliums in der Stadt. Menschen werden auf zeitgemäße
Weise mit Gottes Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus bekanntgemacht.

2. Aufgaben und Chancen der Stadtkirchenarbeit
2.1 Die Stadtkirche als Gottes-Haus
Kirchen sind exemplarische, aber nicht exclusive Orte der Gegenwart Gottes in der Welt. Sie
erinnern an die unabgeschlossene Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie sind Orte, die zur
Begegnung mit Gott einladen.

2.2 Die Stadtkirche als „Genius Loci“ der Stadtidentität
Stadtkirchen – im Unterschied zu Bischofskirchen – verdanken ihre bauliche Errichtung
Beschlüssen des politischen Gemeinwesens als Ganzes. Sie waren Orte zur Bildung der
Stadtöffentlichkeit. In ihnen wurde das Gewissen der Stadt geformt und sie bergen bis heute
ein lebendiges Gedächtnis der Stadtgeschichte. Stadtkirchen bleiben auch in kirchlicher Ver-
antwortung der Stadt als Ganzes verpflichtet. Sie sind Foren für stadtrelevante Auseinander-
setzungen. Der Diskurs über Heil und Unheil der Stadt findet nicht nur im Rathaus und auf dem
Marktplatz statt, sondern gehört auch in die Stadtkirche. Stadtkirchenarbeit ist erkennbare
Zeitgenossenschaft.

2.3 Die Stadtkirche als Ort der Öffentlichkeit
Stadtweite Öffentlichkeit zu bilden iste ein zentrales Ziel der Stadtkirchenarbeit. Geöffnete
Stadtkirchen werden alltäglich von mehr Menschen aufgesucht als an normalen Sonntagen;
das gilt nicht nur in Touristenstädten.

So sind sie Orte der Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Deshalb ist eine intensive
Kooperation mit den Einrichtungen der Öffentlichkeitsarbeit notwendig.

2.4 Die Stadtkirche als „Asylort“
Stadtkirchen sind Klagemauern und Hoffnungszeichen. Sie sind symbolische Repräsentanz
des gesamten bewohnten Weltkreises, der Ökumene, Heimstatt aller Fremden und im Not-
fall auch Zufluchtsort für Verfolgte. Stadtkirchenarbeit lebt von ökumenischer und zuneh-
mend auch von interreligiöser Offenheit.

In Stadtkirchen wird das Glück und das Leid der Menschen bewahrt und gestaltet. Sie sind
Schutzräume für Menschen in Not, aber auch für verfolgte Meinungen, bedrohte Traditionen
und verdrängte Gefühle.
Stadtkirchen sind Klagemauern und Hoffnungszeichen.

2.5 Die Stadtkirche als Spielraum, als Festspielhaus
Stadtkirchen sind Spielräume protestantischer Freiheit. Diese Freiheit findet ihren Ausdruck
besonders in den Feiern der Gottesdienste und in den Darstellungen des Glaubens. Freiheit
dokumentiert sich sowohl in der Kritik der Todesmächte der jeweiligen Zeit als auch in den
Festspielen und Inszenierungen des Lebens, in den Formen der Kunst, in Musik, Theater,
Literatur, in Diakonie und Kommunikation.

Stadtkirchenarbeit inszeniert in bewußter Aufnahme prophetischer Traditionen symbolische
Handlungen. Der lokale Jahreskalender und das christliche Festjahr mit ihren besonderen
Profilen sowie andere herausragende Ereignisse dienen als „öffentliche Agende“.

3. Strukturvorschlag für die Stadtkirchenarbeit in der EKHN
3.1 Ressourcen der Stadtkirchenarbeit
Stadtkirchenarbeit erfordert „anteilige“ hauptamtliche Arbeit durch Pfarrer/Innen, Kirchen-
Musiker/Innen, Küster/Innen, Sekretärinnen u.a. Unter Berücksichtigung der Aufgaben und
Konzeption der jeweiligen Kirche werden die entsprechenden Stellenkapazitäten festgelegt.
Bei der Einrichtung und Bewertung von Stadtkirchenarbeit sollen folgende Kriterien
berücksichtigt werden:
- eine Stadtkirchenarbeit ist schon gewachsen
- Zentrale Lage in der Innenstadt
- Touristischer Zulauf
- Festlegung eines Arbeitsschwerpunktes „Stadtkirchenarbeit“ durch eine Gemeinde
- Beauftragung durch das Dekanat (gegebenenfalls Unterstützung durch einen entsprechenden
Verein)

- Die Stadtkirche muss in der Lage sein, übergemeindliche Aufgaben zu erfüllen und Themen
der Stadt adäquat in ihren Räumen zu thematisieren (Gemeinde auf Zeit zu bilden – Annahme
durch die Bevölkerung als Zentrumskirche).

- Stadtkirchenarbeit beinhaltet in der Regel kirchenmusikalische Arbeit, aber ein kirchenmu-
sikalisches Zentrum allein konstituiert noch keine Stadtkirchenarbeit.
- Die Öffnung der Kirche an Werktagen solle konstitutiv für die Arbeit sein.

Stadtkirchenarbeit kostet Geld. Es müssen Sachmittel in ausreichendem Maß zur Verfügung
gestellt sein, zusätzlich zu den Mitteln der Ortsgemeinde an der Stadtkirche.

Die Stellen für die Stadtkirchenarbeit werden in der Regel als zusätzliche Pfarrstellen auf
Dekanatsebene errichtet. Wie bei allen übergemeindlichen Pfarrstellen liegt die Personal-
Entscheidung bei der Kirchenleitung. Sie wird durch ein entsprechendes Vorauswahlgremium
vorbereitet. In ihm sind vertreten: Propst/Pröpstin, Dekanat, Kirchenvorstand, eine Persönlich-
keit öffentlichen Lebens, ein/e Stadtkirchenpfarrer/in.
Die Dienstaufsicht liegt bei/m Dekan/der Dekanin.
Personal- und Sachmittel werden über die Bedarfszuweisung an das jeweilige Dekanat finanziert.

3.2 Stadtkirchenbeirat
Die Verantwortung für die Stadtkirchenarbeit wird entweder vom zuständigen Kirchenvor-
stand wahrgenommen oder an ein eigenes entscheidungsbefugtes Beratungsgremium dele-
giert. Dieser Stadtkirchenbeirat (in einer Stadt für mehrere Kirchen gemeinsam) erarbeitet die
grundsätzliche Konzeption, beschliesst über die Planung und Durchführung von Projekten und
über die Verteilung der Sachmittel. Der Beirat berät, unterstützt und kontrolliert die laufende
Arbeit. Er hat die Aufgabe, ehrenamtliche Mitarbeiter/innen und Sponsoren für die Finanzierung
zu gewinnen.
Für die Befugnisse des Stadtkirchenbeirates ist mit dem Kirchenvorstand ein Kooperations-
vertrag über die Nutzung der Kirche zu schliessen.

Wenn ein Stadtkirchenbeirat auf Dekanatsebene eingerichtet ist, wird mit dem Kirchenvorstand
ein Nutzungsvertrag über die betreffenden Räume abgeschlossen. Der Stadtkirchenbeirat wird
von dem Dekanatssynodalvorstand für die Dauer der jeweiligen Wahlperiode berufen.

3.3 Ehrenamtliche Mitarbeit
Stadtkirchenarbeit erfordert ehrenamtliche Mitarbeit. Eine der Aufgaben ist es, einen
ehrenamtlichen Mitarbeitskreis aufzubauen, der die tägliche Öffnung der Stadtkirche
ermöglicht und je nach Konzeption der Kirche spezifische Angebote durchführt.

3.4 Stadtkirche als Servicestelle
Stadtkirchen werden grundsätzlich auch als Info- und Servicestelle genutzt. Hierfür sind
Methoden und Materialien im Sinne der „Mitgliedergewinnung und Mitgliederpflege“ zu
erarbeiten.
Einzelne Stadtkirchen in der EKHN sollen auch die Funktion der Kircheneintrittsstelle
haben. Die Voraussetzungen und Bedingungen hierfür müssen im einzelnen geklärt werden.

3.5 Zusammenarbeit im Dekanat
Die Stadtkirchenarbeit arbeitet mit den Gemeinden und den Beauftragten für die Hand-
lungsfelder der Kirche zusammen. Eine besonders enge Verzahnung ist mit der Öffent-
lichkeitsarbeit notwendig, soweit diese nicht den Stadtkirchenpfarrern/Stadtkirchenpfarrerinnen
übertragen ist. Stadtkirchenarbeit selbst ist eine Form der Öffentlichkeitsarbeit. Für die
Zusammenarbeit sind die regionalen Strukturen zu berücksichtigen.

3.6 Gesamtkirchliche Verantwortung
Die konzeptionelle Weiterentwicklung und die Koordination der Arbeit in den Stadtkirchen der
EKHN liegt in der Verantwortung des Arbeitszentrums Verkündigung und wird von dem/der
Kunstbeauftragten (Fachbereich Gottesdienst und Kunst) wahrgenommen. Von ihm/ihr wird
eine Konferenz der Stadtkirchenpfarrer/innen auf EKHN-Ebene dreimal jährlich organisiert.
Zu ihr gehören alle Personen, die mit Stadtkirchenarbeit beauftragt sind, unabhängig vom
Umfang des Dienstauftrages. Pfarrer7innen, die Stadtkirchenarbeit als eigenen Schwerpunkt ihrer
Gemeindearbeit gewählt haben, können auf Antrag bei der Kirchenverwaltung Mitglied der Stadt-kirchenkonferenz werden.
Die Stadtkirchenkonferenz dient dem Erfahrungsaustausch, der Weiterentwicklung und
Sicherung der Qualität der Stadtkirchenarbeit. In den Regionen können einzelne Arbeitsge-meinschaften der Stadtkirchenpfarrer/innen gebildet werden.








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