Evangelische Stadtkirchenarbeit Mainz
Bilanz des Papstbesuches in Erfurt 2011 vom Ratsvorsitzenden der EKD, Präses Schneider ( Mündlicher Bericht )

III.1 Rückblick und Auswertung des Papstbesuchs
Unter zwei Gesichtspunkten möchte ich zum Papstbesuch Stellung nehmen: 1) Erfahrungen 
in Erfurt und 2) vor uns liegende Aufgaben.
1) Der Papst selbst hat einen starken ökumenischen Akzent gesetzt: 500 Jahre nach Luthers 
Rombesuch stattete er gleichsam einen  "Gegenbesuch" im Augustinerkloster in Erfurt ab. 
Als erster Papst feierte er einen ökumenischen Gottesdienst an einem zentralen Ort des Luther-Gedenkens. Die Begegnung in Erfurt bestand aus zwei ganz unterschiedlichen Teilen: 
dem Treffen der Delegationen ohne Öffentlichkeit und dem öffentlichen Wortgottesdienst in 
der Kirche des Klosters.
In seiner Ansprache bei der nichtöffentlichen Begegnung der Delegationen würdigte der 
Papst die lebenslange Suche Martin Luthers nach einem gnädigen Gott und damit dessen 
reformatorische Fragestellung. Er betonte die ökumenische Gemeinsamkeit in der Ausrichtung auf Christus und machte sich den hermeneutischen Schlüssel der Reformatoren zum 
Verständnis der Schrift zu Eigen:  "Was Christum treibet". Er wählte die Formulierung,  "als 
Kirchen" müssten wir einander helfen, unseren Glauben zu vertiefen und zu stärken. 
Schließlich machte unsere Delegation die Erfahrung: ein geschwisterlicher Geist prägte die 
Begegnung.
Die Predigt des Papstes im öffentlichen Gottesdienst rief dagegen andere Erfahrungen hervor. Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs wurden gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen. Vor allem der Begriff "Gastgeschenke" führte auf 
beiden Seiten der Ökumene zu Irritationen.  "Gastgeschenke" hat niemand erwartet, wohl 
aber inhaltliche Impulse. Konkrete und ermutigende Anstöße für die ökumenischtheologische Weiterarbeit in den Fragen des Amts- und des Kirchenverständnisses blieben 
aus. Und dass der Papst in seiner  Predigt ein Verständnis der ökumenisch-theologischen 
Gespräche unterstellte, das sich an Verhandlungen zwischen politischen Vertragsparteien 
orientiere, geht an der Haltung der reformatorischen Kirchen völlig vorbei. Uns geht es um 
das rechte Verständnis der Schrift und der Lehre und damit um die konkrete Wahrheit des 
Evangeliums, wenn wir ökumenische Gespräche führen. 
Mein ökumenisches Anliegen ist: Die gerade für viele ökumenisch engagierte Menschen 
enttäuschende Papstpredigt im Gottesdienst kann und soll nicht das Bild der ökumenischen 
Begegnung in Erfurt bestimmen. Positiv bleibt doch festzuhalten: Der Besuch Papst Benedikts XVI. hatte eine theologische Grundtonart, der wir evangelische Christenmenschen gerne zustimmen:  "Vergesst Gott nicht!" Sucht ihn so innig und intensiv, wie seinerzeit Martin 
Luther ihn mit der Frage nach dem gnädigen Gott gesucht hat. Und lasst euch von dieser 
Frage und Suche nicht abbringen durch falsche Bindungen an die Welt.
Die Gottesfrage nämlich war und ist auch die Kernfrage reformatorischen Glaubens. Deshalb 
sind die durch Gottes lebendiges Wort reformierten Räume des  "Hauses der lebendigen 
Steine" durch die Jahrhunderte Heimat und Hort dieser Sehnsucht nach Gott. Es mag richtig 
sein, dass der Papst mit seinem Besuch in Deutschland  "ökumenisch keine Fenster geöffnet" hat (so Bischof Dr. Markus Dröge im epd-Gespräch), aber wir werden keine bereits ge-
öffneten Fenster wieder schließen. Wir lassen uns nicht beirren, wir werden die in den letzten 
Jahren gewachsenen vertrauensvollen ökumenischen Beziehungen weiter pflegen und beharrlich bei unserer ökumenischen Ausrichtung bleiben.- 6 -
Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist es unverzichtbar,  mit den Menschen nach 
Gott zu fragen, nicht an ihnen vorbei oder gar ohne sie. Und mit den Menschen – mit Frauen 
und Männern, mit Laien und Theologen, mit Bischöfinnen und Synoden  – nach konkreten 
Antworten auf Gottes Wort in der Welt zu suchen.
Denn: Gott selbst hat sich in Jesus Christus "verweltlicht": Gott kam zur Welt, wurde in seinem Sohn Jesus Christus ganz und gar Mensch, um uns Menschen zu erreichen, zu berühren, zu heilen, zu erlösen und zu befreien. Jesus Christus betrachtete es nicht als einen 
Raub, Gott gleich zu sein und sich seiner Gottheit zu entäußern. Er wurde Mensch gleichwie 
wir (vgl. Philipper 2, 6ff). Deshalb leben wir unseren christlichen Glauben nicht weltfremd und 
nicht weltflüchtig, sondern weltverantwortlich und weltdurchdringend.
2) Die Aufarbeitung der Reformationsgeschichte als  "Heilung der Erinnerungen" wird eine 
neue Aufgabe des vor uns liegenden Weges mit unserer römisch-katholischen Schwesterkirche sein. Machen wir uns klar: Erst seit ganz kurzer Zeit gehen wir freundschaftlich miteinander um. Jahrhunderte des Schlechtredens, der Polemik und der Gewalt liegen hinter uns. 
Diese geschichtlichen Prägungen dürfen wir nicht unterschätzen und auch die Herausbildung 
typisch katholischer und evangelischer Milieus nicht, in denen gleiche Worte und Vorstellungen unterschiedlich gefüllt werden.
Ich plädiere dafür, die  "Ökumene der Profile" zu einer  "Ökumene der Gaben" fortzuentwickeln, so dass unsere jeweiligen Profile als Ergänzungen und Bereicherungen verstanden 
werden – und nicht als Abgrenzungen oder Identitätsstärkungen zu Lasten des anderen.
Wir laden die römisch-katholischen Geschwister herzlich ein, das Reformationsjubiläum 
2017 mitzufeiern. Es ist im Kern ein Christusjubiläum, weil die Umkehr zu Christus als Grund 
allen Glaubens das zentrale Anliegen der Reformation war. Und die Umkehr zu Christus soll 
auch heute unseren ökumenischen Weg bestimmen.


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