Evangelische Stadtkirchenarbeit Mainz
Auszug ( die ersten beiden Seiten des "Mainzer Textes"  - von Dr. Hermann-Dieter Müller. Erhältlich über Büro - vgl. KONTAKT - für 3,00 Euro )Ev. Stadtkirchenarbeit


Führung zu Grabstätten von Persönlichkeiten des Evangelischen Mainz

Wir wollen heute die Gräber und die dazugehörigen Denkmäler besuchen von evangelischen Mainzern, die im 19. Jahrhundert das katholische Mainz mitgeprägt haben. In den Jahrhunderten zuvor unter erzbischöflicher Herrschaft waren evangelische Christen höchstens geduldet, weil sie am erzbischöflichen Hof, in der Verwaltung, im Heer, und in der Wirtschaft als Händler und Unternehmer gebraucht wurden. Deshalb gab es ein Mainzer Bonmot: „Fremd sein und Protestant, das ist die beste Empfehlung bei Hofe.“ Allerdings durften sie ihren Glauben nur im Verborgenen ausüben, zum Gottesdienst mussten sie weite Wege auf sich nehmen. Lutherische Gemeinden gab es im nassauischen Biebrich und hessen-darmstädtischen Rüsselsheim, reformierte Gemeinden in den kurpfälzischen Oppenheim und Ingelheim. Der letzte Erzbischof Friedrich Karl Josef von Erthal hat zwar evangelische Professoren nach Mainz geholt, um den Ruf seiner katholischen Universität zu verbessern, doch noch 1787 hat er ein Gesuch von etwa 600 Mainzer Evangelischen zur Abhaltung des evangelischen Gottesdienstes in seiner Haupt- und Residenzstadt Mainz abgelehnt. Da nur Männer die Unterschrift geleistet haben, muss man für die dazugehörigen Familien die Zahl stark erhöhen. Von den etwa 21.000 Mainzern waren immerhin mehr als 1.000 evangelisch. Darunter befanden sich aus der Oberschicht Ärzte, Professoren, höhere Verwaltungsbeamte und Offiziere, auch Kaufleute und deren Bedienstete, etwa 50 Soldaten, 50 Schiffer und über 100 Dienstboten, doch keine Handwerker, denn Zünfte verweigerten die Aufnahme von Evangelischen. Übrigens, der Initiator dieser Unterschriftenaktion war der aus Bremen stammende August Ludwig Rulffs. Der katholische Erzbischof Friedrich Carl Erthal hatte den Lutheraner zum Direktor des städtischen Armeninstituts im leer stehenden Jesuitenkolleg gemacht.
Nur unter ausländischer Herrschaft durften in Mainz evangelischer Gottesdienst gehalten und Gemeinden gegründet werden; so während der Schwedenzeit von 1631 bis 1636. Daran erinnert noch der Grabstein des schwedischen Oberst von Üxküll an der Quintinskirche, direkt am Eingang zum Garten des Altenheims. Nur 15 Jahre nach der letzten erzbischöflichen Ablehnung von 1787 hat die französische Besatzungsmacht unter Kaiser Napoleon und dem Präfekten des Departements Donnersberg Jeanbon St. André im Jahre 1802 evangelischen Gottesdienst in der Kirche des Altmünsterklosters und die Gründung einer evangelischen Gemeinde genehmigt. Das Kloster hat nicht die Besatzungsmacht aufgehoben, sondern schon der Erzbischof, um mit den Einnahmen von diesem und zwei anderen Klöstern seine Universitätsreform durchführen zu können, u. a. dem Bau der Professorenhäuser. Dieser Präfekt liegt hier begraben und - Treppenwitz der Weltgeschichte - war reformierter Pfarrer und residierte im Erthaler Hof, dem Palast der Familie des letzten Erzbischofs. Der Präfekt hat auch 1803 diesen Friedhof eingeweiht. Doch jetzt zum Grabstein.

Feld 23 Reihe 175 Jeanbon Baron de St. André (1749-1813)
reformierter Pfarrer, Präfekt des Departements Donnersberg (1800-1813)
Grabdenkmal
Die Grabstätte ist eingefasst von einem schmiedeeisernen Gitter. Die Verzierungen mit Mohnkapseln stehen für ewigen Schlaf, während immergrüner Efeu das ewige Leben symbolisiert. Das Denkmal besteht aus einem Postament, einem Sockel oder Unterbau, mit einer Grabinschrift und Palmzweigen. Ein trauernder junger Mann mit einer gesenkten Fackel, stützt sich auf eine übergroße, mit Lorbeer geschmückte Urne.

Inschriften
Auf einer weißen Marmorplatte steht in schwarzen Buchstaben :
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Alfred Börkel, Der Mainzer Friedhof: seine Geschichte und seine Denkmäler; zur Erinnerung an sein 100jähriges Bestehen, im Auftrag der Stadt Mainz dargestellt, Mainz 1903, S. 71, Bild S. 14; Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz Stadt Mainz 2.1., Mainz 1986, S. 244, Bild S. 245; Wolfgang Balzer, Mainz - Persönlichlkeiten der Stadtgeschichte, 3 Bände Ingelheim 1985-1993; Rupert Krömer u. Sabine Theis-Krömer (Hrsg.), Von der Kraft der Endlichkeit Ort der Stille – 2000 Jahre Heiliges Tal 200 Jahre Mainzer Aureus, Vitruv-Verlag Mainz 2004; Wolfgang Stumme, Der Mainzer Hauptfriedhof – Menschen und ihre letzten Ruhestätten, Leinpfad Verlag Ingelheim 2010; Heinrich Steitz (Hrsg.), Das evangelische Mainz, Darmstadt 1962; wikipedia.
Elisabeth Darapsky, Mainz – Die Kurfürstliche Residenzstadt, Mainz 1995, S. 11.
Walter G. Rödel, Die „Secta Lutherana“ im Schatten der Sancta Sedes Moguntina, in: Zwischen Konflikt und Kooperation – Religiöse Gemeinschaften in Stadt und Erzstift Mainz in Spätmittelalter und Neuzeit, Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz Beiheft 70, Zabern Verlag Mainz 2006, S. 167-180, bes. S. 167.
Zahlen für 1799 und 1802 von Ludwig Falck, Städtebuch Rheinland-Pfalz Mainz, Stuttgart 1964, S. 266; Elmar Rettinger in: Mainz – eine Stadtgeschichte, Mainz 2010, S. 223 f. und Heinrich Steitz, S. 75.
Rödel S. 177.


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„Sous ce monument/ simple comme lui/ Au milieu de ceux qu’il chérissait/ dans l’asile consacré par ses soins/ et sous son administration /Repose/ J.B.Baron de St. André/ Préfet du département Mont Tonnerre/ Officier de la légion d’honneur/ Mort le 10. Décembre 1813.“
Unter diesem Denkmal/ einfach wie er/ inmitten derer, die er liebte, in dem Asyl (Zufluchtsort) geweiht durch seine Bemühungen und unter seiner Verwaltung ruht J. B. Baron de St. André, Präfekt des Departements Donnersberg, Offizier der Ehrenlegion, gestorben am 10. Dezember 1813.

Auf der rechten Seite des Denkmals steht: „Ehre und Reichtum vergehen, gute Handlungen währen ewig.“
Auf der linken: Multis ille bonis flebilis occidit. Von vielen betrauert, ist er gestorben (Aus einer Ode von Horaz).
Städtisches Freigrab
Was wollen uns die Inschriften sagen, vom Mainzer Prof. Lehne verfasst?

Biographie
Jean Bon Baron de St. André hatte ein sehr bewegtes Leben. Er wurde 1749 als André Jeanbon, Sohn hugenottischer Eltern in Montauban, nördlich von Toulouse in Südfrankreich geboren, in einer Gegend, in der seit den Tagen der Waldenser Andersdenkende wegen ihres Glaubens verfolgt worden sind. Notgedrungen musste die Familie Jeanbon nach außen ein katholisches Leben führen und ihre Kinder katholisch taufen und erziehen lassen. Heimlich beteiligten sie sich aber am protestantischen Gemeindeleben. Der junge André wusste also selbst, was es bedeutete, die eigene Überzeugung nicht leben und öffentlich bezeugen zu dürfen. Nach seiner Schulzeit im Jesuitenkolleg von Montaubon wurde ihm als Protestant das Jurastudium untersagt. Darauf absolvierte er eine Ausbildung als Seemann und brachte es bis zum Kapitän auf Schiffen der Handelsmarine. Nach drei glücklich überstandenen Schiffbrüchen entschloss er sich 1771 zum Studium der reformierten Theologie in einem Seminar in Lausanne und wurde nach der Hälfte der normal sechsjährigen Ausbildung im Alter von 24 Jahren zum reformierten Pfarrer ordiniert. Bevor er Lausanne verließ, nahm er selbst aus Sicherheitsgründen den katholisch klingenden Namen St. André an. Er wurde 1773 Pfarrer in Castres am Südhang des Zentralmassivs. 1778 heiratete er, doch die Ehe blieb kinderlos. Seine Frau folgte ihm auch nicht nach Paris und seinen späteren Aufenthaltsorten, auch nicht nach Mainz. Er hat ihr aber regelmäßig geschrieben. Nach dem Toleranzedikt König Ludwigs XVI. von 1788 berief ihn sogar das Konsistorium auf eine Pfarrstelle in seinem Geburtsort Montauban. Wegen einer „ultrakatholischen Kampagne“ musste er 1790 zeitweise nach Toulouse fliehen.
Bei Ausbruch der Revolution hoffte er, als überzeugter Jakobiner und Anhänger Robespierres in der Politik mehr ausrichten zu können. 1791 wurde er Abgeordneter für Montauban in der Nationalversammlung, kurzfristig auch als guter Redner deren Präsident. Sein rhetorisches Talent war durch die Ausbildung in Lausanne gefördert worden. Während der Terrorherrschaft und anschließender Säuberungen war er – zu seinem Glück – abkommandiert zur Reorganisation der Häfen im Norden und im Süden. Trotzdem saß er fünf Monate im Gefängnis, wurde aber danach Generalkonsul in Algier und der Türkei, wo er drei Jahre gefangen war. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn der erste Konsul Napoleon im Jahr 1800 zum Generalkommissar der vier linksrheinischen Departements und zum Präfekten des Departements Donnersberg mit Sitz im französischen Mainz.
Sein Engagement in sozialen Fragen, Hilfe für Arme und Kranke, Durchsetzung der Rechtsgleichheit und der völligen Glaubensfreiheit, Verbesserungen im täglichen Leben durch den Straßenbau und Fortschritte in der Wirtschaft sowie sein bescheidenes Verhalten brachten ihm die Achtung der Mainzer ein, die ihn liebevoll „Schinken Andres“ nannten. 1802 sorgte er für evangelische Gottesdienste in der Altmünsterkirche und 1803 eröffnete er den Hauptfriedhof. Napoleon bezeichnete ihn als „Musterbeispiel eines Präfekten“ und ernannte ihn 1809 zum Baron d’ Empire .
Als die 1813 geschlagene Armee Typhus einschleppte und 10 % der Mainzer daran starben, steckte er sich bei der Pflege der Verwundeten an. Unter großer Anteilnahme wurde er auf dem neuen Hauptfriedhof beigesetzt, den er selbst hat einrichten lassen. Die Grabinschriften bezeugen die Dankbarkeit der Mainzer. Noch Jahre nach dem Rückzug der Franzosen hat die Stadt Mainz entschieden, seine Grabstelle für immer abgabenfrei zu lassen.

Feld 23 Reihe 187 Ludwig Christian Christoph Freiherr von Lichtenberg (1784-1845)
Regierungspräsident/Provinzialdirektor der Provinz Rheinhessen (1816-1845)

usf. ( insgesamt 9 Seiten DIN A 4 )


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