Evangelische Stadtkirchenarbeit Mainz
 
Fachvortrag

"Der Tanz in den Tod -
  Totentänze von der Antike bis zur Gegenwart



Referentin:

Dr. Uli Wunderlich

DIE EXPERTIN zur Thematik

Vorsitzende der
"Europäische Totentanz-Vereinigung"
Danses Macabres d'Europe, Bundesrepublik Deutschland e.V.

Obwohl die Zeiten, in denen Menschen an tanzende Tote glaubten, längst vorüber sind, hat der Totentanz nichts von seiner Faszination verloren. Totentänze haben ihre Bedeutung insbesondere im Mittelalter und finden ihre Darstellung und Neuinterpretation bis in die Gegenwart. Der handelnde Tote ist – bedingt durch die Auseinandersetzung mit den beiden Weltkriegen – inzwischen zum Inbegriff des Bösen geworden. Schädel und Skelette dienen der Abschreckung, sie werden sogar politisch instrumentalisiert. So reicht die Palette der Darstellung von den mittelalterlichen Wandmalereien über berühmte Graphikzyklen, Kompositionen, Theaterstücken und Horrorromanen bis hin zum zeitgenössischen Sprachgebrauch. Umgang mit den Toten, Friedhofsmystik und Engelssehnsucht sind aktuelle Themen. Schwerpunkt des Vortrags von Dr. Uli Wunderlich, eine der bedeutendsten Expertinnen der Thematik, wird die Bezugnahme auf „Mainzer Totentänze“ sein.


Bericht von der Veranstaltung ( Ev. Öffentlichkeitsarbeit )

Wenn der Tod wie Karneval gefeiert wird
Präsidentin der Europäischen Totentanz-Vereinigung nimmt Besucher im Haus der Evangelischen Kirche mit auf teilweise makabre Reise durch die Kulturen

MAINZ. Der Totentanz ist ein über Jahrtausende altes Phänomen, das weltweit zelebriert worden ist. Und es übt noch heute eine Faszination aus auf Menschen, die sich damit befas-sen. Das zeigte das große Interesse der Besucher eines Vortrags von Dr. Uli Wunderlich, der Präsidentin der Europäischen Totentanz-Vereinigung, im Haus der Evangelischen Kirche in Mainz. Dazu eingeladen hatte Rainer Beier, Pfarrer für Stadtkirchenarbeit im Evangelischen Dekanat Mainz. „Vielleicht gehört ein bisschen Mut dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen“, sagte Pfarrer Beier eingangs. Schließlich habe man damit auch immer den eigenen Tod vor Augen.

Wunderlich nahm die rund 30 Besucher an einem kalten Novemberabend mit auf eine Zeit- und Weltreise in die makabren Sphären des Totentanzes. Sie zeigte die Darstellung eines Begräbniszuges aus Ägypten aus der Zeit um 1250 vor Christus, auf der die Menschen ausge-lassen feiern. „Da geht es zu wie heute beim brasilianischen Karneval“, schwärmte die Refe-rentin. „Sie tanzen, singen, klappern.“ Der Tod macht ihnen Spaß.

Wunderlich führte in eine etruskische Grabkammer aus dem 4. bis 5. Jahrhundert vor Christus. Man sieht ein Totenbankett, das im Gedenken an einen Verstorbenen zelebriert wird. Eines der ältesten Zeugnisse von lebenden, musizierenden Skeletten findet sich auf der Darstellung eines 2100 Jahre alten Bechers aus Alexandria, wiederum also in Ägypten. Die Ske-lette sangen: „Freue dich des Lebens!“ Noch heute ist „Gaudeamus igitur“ als Studentenlied bekannt, aber der Text sei nicht mehr makaber, sondern zahm geworden, erklärte die Exper-tin.

Über Darstellungen aus Tibet, Katalonien, Pisa oder auch Basel gelangte Wunderlich schließ-lich nach Mainz mit ihren Ausführungen. Im hiesigen Landesmuseum befindet sich ein Tafel-gemälde des gebürtigen Mainzers Georg Kneipp (1793 – 1862). Zu jedem Totentanz-Motiv gehören hier blasphemische Verse, insgesamt 80 Strophen plus Überschriften. Datiert ist das Kunstwerk auf das Jahr 1834. Der Maler Georg Kneipp – ein Katholik mit losem Mundwerk sei er gewesen – verweise in seinem Gemälde nach Basel zu einem Totentanz auf der Friedhofsmauer des Barfüßerklosters 1568 im Stil von Hans Holbein. Was im Mittelalter ent-standen war, nahm nun Einfälle der Renaissance auf, erläuterte Wunderlich.

Im Bistum Mainz war die Kritik an der katholischen Geistlichkeit in der vorreformatorischen Zeit heftig. Die Domherren wurden als eitle Würdenträger verspottet – gerne von Bösewichtern, Zockern und Säufern. Bischof Hatto I., gestorben im Jahr 913, soll im Binger Zollturm von Mäusen gefressen worden sein. Der Binger Mäuseturm trägt diese Geschichte noch heute in seinem Namen.

Uli Wunderlich hat viele solcher Geschichten gesammelt. Ein besonderes „Lob des Todes“ stammt aus Florenz im Jahr 1340: „Das Sterben ist ein schönes Fest“, heißt es in einem Text von Francesco Petrarca. „Man muss nicht mehr arbeiten, wenn man tot ist.“

Die Europäische Totentanz-Vereinigung wurde in den 1970er-Jahren gegründet. Es gibt Gruppen in Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien und Skandinavien. Die deutsche Sektion wurde 1993 gegründet. Ziel ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie von Kunst und Gestaltung im Zusammenhang mit Totentänzen und verwandten The-men.


Wichtige Internetseite zum Thema:
www.totentanz-online.de/totentanz.php

Termin

Dienstag, 27. November, 19.15 Uhr

(= Dienstag nach dem Toten- bzw. Ewigkeits-Sonntag und vor dem 1. Advent )

Ort

"Raum Erfurt" - im "Haus der Evangelischen Kirche" ( 4. Stock )

Kaiserstraße 37
55 116 Mainz


Wichtiger Literaturhinweis

Der Tanz in den Tod
Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Uli Wunderlich


Eulen Verlag Harald Gläser, Freiburg i. Brsg. - 2001
ISBN:3-89102-461-4






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